Dies ist ein Gastbeitrag von Jillian C. York. Sie ist Director of International Freedom of Expression bei der Electronic Frontier Foundation (EFF).
Während diese Woche mehrere große Silicon-Valley-Firmen – darunter Apple, Facebook und YouTube – sich ein Rennen darum lieferten, den Verschwörungstheoretiker Alex Jones von ihren Plattformen zu schmeißen, blieb eine Plattform stur. Twitter bezeichnete sich früher selbst gerne als „Meinungsfreiheits-Flügel der Meinungsfreiheits-Partei“, in vergangenen Jahren zensierte die Plattform aber ähnlich viel wie ihre Mitbewerber.
Jetzt entschied sie sich jedoch dafür, den rechten Verschwörungstheoretiker und seine Publikation Infowars nicht zu sperren. Twitter-CEO Jack Dorsey schrieb dazu: „Wir haben gestern weder Alex Jones noch Infowars gesperrt. Wir wissen, dass das für viele Leute hart ist, aber der Grund ist einfach: er hat nicht gegen unsere Regeln verstoßen. Sollte er das tun, werden wir sie durchsetzen. Und wir unterstützen weiterhin ein gesundes Umfeld für Diskussionen, indem wir sicherstellen, dass Tweets nicht künstlich verstärkt werden.“
Während Jack Dorsey den Fall von Jones bereitwillig kommentierte, bleibt er Journalisten und Aktivisten eine Antwort zum Fall des Journalisten Wael Abbas seit Monaten schuldig. Abbas ist ein preisgekrönter ägyptischer Journalist und Anti-Folter-Aktivist, der derzeit in einem Gefängnis in Kairo seinen Prozess erwartet. Abbas mag gegen Twitters Nutzungsregeln verstoßen haben, aber wie die ägyptische Zeitung Mada Masr schreibt: „Es wird angenommen, dass die Sperre von Abbas’ Account eine Reaktion auf eine Welle von Verstoßmeldungen gegen ihn war, gemeldet von Accounts verbunden mit Unterstützern von Mubaraks Regime.“
Seit langem wird vermutet, dass Twitter und andere Firmen nicht in der Lage sind, fremdsprachige Inhalte fair zu moderieren. Anders als Facebook oder Google hat Twitter kein regionales Büro im arabischen Raum und es ist unklar, wo die arabischsprachigen Moderatoren der Firma überhaupt sitzen – oder wer sie sind.
Bereits im Jahr 2007 wurde Abbas’ YouTube-Account ohne Vorwarnung gesperrt, und erst wieder hergestellt, nachdem sich internationale NGOs einschalteten. Zehn Jahre darauf, Ende 2017, erteilte ihm Facebook eine 30-tägige Sperre, die zurückgenommen wurde, nachdem sich Aktivisten für ihn aussprachen. Diese beiden Ereignisse machen deutlich, dass die Moderation von Inhalten keineswegs kinderleicht sind, und dass die Sorgen arabischsprachiger Nutzer und ihrer Unterstützer begründet sind.
Ein bekannter Verschwörungstheoretiker wie Jones, der verantwortlich ist für die Belästigung der Eltern ermordeter Kinder, darf also auf der Plattform bleiben. Ein preisgekrönter Journalist, der mit seinen Recherchen zu Polizeigewalt dazu beigetragen hat, eine Diktatur zu stürzen, wird dauerhaft verbannt. Es wird Zeit, diese Regeln in Frage zu stellen – und die Verantwortung derjenigen, die sie aufgestellt haben.
